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Route 2: Gutshaus Boldevitz

bei Parchtitz

1314 : erst urkundliche Erwähnung als "Bollevitze"

1635: Bau des Herrenhauses für Familie von Rotermund, aus den Steinen der Kirche von Maschenholz

1655-1658: Bau einer Kapelle im Gutspark

1744: Verkauf an die Familie von Putbus

1762-1764: Die Tapetenfelder wurden von Philipp Hacker geschaffen. Aus etwa der gleichen Zeit sind die Stuckarbeiten. Eigentümer wurde Baron von Olthoff

1780: Weiterverkauf an Familie von der Lancken

1797: Bauernunruhen auf dem Gut auf Grund des "Bauernlegens"

1838: Bau einer Familiengruft

1922: Renovierung und innerer Umbau

1945: Enteignung, volkseigenes Gut

1950-1989: Verwaltungs- und Kulturhaus des volkseigenen Gutes

Jetzt in Privatbesitz.



© Fotos: Rolf Böhm, Januar 2005

Der Park wurde im 17. Jhd. angelegt und im 19 Jhd. zum Englischen Garten umgestaltet. Der alte Baumbestand ist in Resten erhalten und gepflegt.

Boldevitz

Über ganz Rügen verteilt, besonders aber in den vorrangig landwirtschaftlich genutzten Regionen Süd- und Westrügens, legen noch heute zahlreiche Gutsanlagen Zeugnis ab von der Rolle der Landwirtschaft. Die großflächige Gutswirtschaft hat über Jahrhunderte hinweg sowohl die Landschaft als auch Siedlungsentwicklung geprägt. Ihr Spektrum reicht weit, vom einfachen Gutshof bis hin zur pompös, fast schlossähnlich gestalteten und mit einem Park versehenen Anlage, wie es hier der Fall ist.

1314: Erstmalige Erwähnung von Boldevitz mit einem Wohnhof der Familie von Rotermund

1635: Erbauung durch zwei parallele Satteldächer und Schmuckgiebel gekennzeichneten Mitteltrakts

1762: Ankauf von Boldevitz durch den Regierungsrat und Kunstmäzen a.F. von Olthof aus Stralsund, der Boldevitz zu seinem Landsitz ausbaut. In dieser Zeit werden dem Haus zwei Seitenflügel angefügt und der Park mit dem Schwanenteich angelegt. Unter den von Olthof geförderten Künstlern befand sich unter anderem auch der Landschaftsmaler Jakob Philipp Hackert (1737-1808), der mit sechs großformatigen Landschaftstapeten in Tempera auf Leinwand und einer illusionistischen Architekturmalerei den Saal gestaltete. Die Tapeten zeigen Ideallandschaften, darunter erstmalig in der Kunstgeschichte auch Rügenmotive.

1780: Verkauf von Boldevitz an die Familie von der Lancken

1784: Anbringung eines Allianzwappens Lancken-Platen aus Gotlandstein über dem Mittelportal.

1838: Errichtung eines klassizistischen Mausoleums. 1953 wird dieses geräumt und abgerissen.

1939: Bau einer klassizistischen Kapelle anstelle eines baufällig gewordenen Vorgängerbaues von 1655.

1922: Renovierung und innerer Umbau des um einen dritten Seitenflügel erweiterten Herrenhauses.

1945/46: Nach der Enteignung und Verschleppung von Silvius Freiherrn von der Lancken-Wakenitz-Albedyll, dem letzten Eigentümer, wird Boldevitz als Volkseigenes Gut weitergeführt. Das Haus beherbergt zunächst Flüchtlinge, danach die Verwaltung des Gutes und schließlich 12 provisorische Wohnungen einen Kindergarten. Die Räume werden dazu neu aufgeteilt. Die Ausstattung sowie das Inventar geht im Laufe der Zeit verloren. Die Tapeten und zwei Spiegel bleiben durch Auslagerung erhalten.

1993: Beginn einer umfassenden Restaurierung des Ensembles. Es erfolgt der Abriss der späten Anbauten und Rückbau auf die Hackert-Zeit. Die Tapeten selbst werden seit mehreren Jahren in Dresden restauriert. Abgeschlossen sind diese Arbeiten voraussichtlich im Jahr 2002.

Parkanlage Boldevitz

Die Geschichte der Parkanlage Boldevitz ist noch nicht eingehend erforscht worden. Einige wenige Quellen lassen jedoch interessante Deutungen zu.

1695 weist die schwedische Matrikelkarte erstmals auf gärtnerische Strukturen südlich des Hauses hin.

1730 wird über Boldevitz gesagt, "es spiele gleich einem Schloss im Prospekt sehr anmutig zu Felde", was sicherlich auch auf eine gärtnerische Einbindung von Boldevitz in die Landschaft schließen lässt.

Durch eine Federzeichnung Jakob Philipp Hackerts um 1764 ist eine größere Umgestaltung des Parks dokumentiert. Die Absicht des damaligen Besitzers Baron Olthoff, Boldevitz zu einem repräsentativen Landsitz auszubauen, dürfte sich mit dem Interesse Hackertz an der Gartenkunst getroffen haben. Vermutlich wurde der Barockgarten in einen englischen Landschaftsgarten umgestaltet und damit würde es sich um ein sehr frühes Zeugnis dieser Gartenform handeln.

Der Park ist ca. 11 Hektar groß und in fast quadratischer Form um das zentrale stehende Herrenhaus angelegt. Er ist umgeben von Alleen aus Eschen, Linden, Kastanien und Ulmen, wobei die Ulmen insbesondere am Westrand in den letzten 20 Jahren dem Ulmensterben zum Opfer gefallen sind.

Der Park gliedert sich in zwei Teile. In der westlichen Hälfte, dort wo die Wirtschaftsgebäude standen (siehe die im Plan markierten parallel stehenden Gebäude) waren die Obst- und Nutzgärten, während die östliche Hälfte, hinter dem Herrenhaus der "eigentliche Park" war. Das ungleiche Alter der Parkbäume deutet auf eine mehrfache Umgestaltung hin. Drei prachtvolle Platanen hinter dem Herrenhaus mit über 25 Meter Kronendurchmesser sind auf Hackerts Federzeichnungen noch nicht dargestellt; entgegen anderer Meinung, die sie schon auf die Bauzeit des Hauses datieren, wurden sie wohl erst im Zuge dieser Umgestaltung angepflanzt. Aus derselben Zeit stammen wohl auch das Lindenkarree, die Anlage des Schwanenteichs sowie die älteren Baumgruppen.

Eine weitere Unterpflanzung erfolgte um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, vielleicht in Verbindung mit dem Bau des Mausoleums (1838) und der Kapelle (1839). Hierzu gehört der Tulpenbaum, einige Linden, die Pyramideneichen, die in den letzten Jahren verloren gegangenen Blutbuchen und europäischen Lärchen.

Am Nordeingang zum Park befand sich das so genannte "Löwentor" und im Süden das "Tellertor". Erhalten ist noch eine kleine Neugierde, ein Aussichtshügel in der Nordostecke, sowie die ehemalige allerdings stark umgestaltete Orangerie. Zur Ausstattung des Parks gehörte im Lindenkarree ein Hirschdenkmal, im Bereich der Orangerie ein gefasster Zierteich (Goldfischteich).

Die Nachkriegszeit ist von Umnutzung, Vernachlässigung und Verfall bestimmt. Wichtige Ausstattungsstücke wurden zerstört, der Gehölzbestand verwilderte, die Gewässer verschlammten. Die historischen und gestalterischen Qualitäten des Parks wurden kaum noch wahrgenommen und durch die Errichtung einer Bürobaracke und des Kulturhauses absichtlich ignoriert.

In Verbindung mit der Rekonstruktion des Gutshauses nach der Wende ergibt sich aus dem Abriss des stark baufälligen Wirtschaftshofes die Möglichkeit, den Park auch nach Westen zu erweitern. Durch Anlage eines großzügigen Parterres mit Betonung der ehemals durch die Gebäude vorgegebenen Linien werden unter gärtnerischer Begleitung Sichtachsen geschaffen, um die Anlage mit der noch eiszeitlich geprägten Umgebung zu einer weiterentwickelten Kulturlandschaft neu zu verbinden.